Zimmer
Eingang des Kurhotels Salzerbad
Sole-Trinkbrunnen

Inklusion - Illusion? Manchmal nicht!

18. März 2015

"Gehen Sie, so schnell Sie können, 4 Wochen in Kur" empfahl die Ärztin. Was tun? Ich gab bei Google "Kur" und "sehbehindert" ein und ließ mich überraschen. Es kam: www.salzerbad.at - "Kurhotel Salzerbad, Kleinzell bei Hainfeld, Niederösterreich - Kuren für Sehbehinderte". Ich las von der einzigen Mineralsolequelle Österreichs, einem 30 Grad warmen Hallenschwimmbad, Angeboten von Solebädern und -inhallation - es paßte alles. Im Vorgespräch am Telefon ergab sich: Da hatte einmal ein blinder Kurgast mit seinem Führhund das Kurhotel besucht, und davon war die Leitung des Hauses so beeindruckt, daß der Entschluß feststand, blinde und sehbehinderte Gäste künftig bei ihrer Kur zu unterstützen. Ich war in diesem Fall Versuchskaninchen Nr.2 - ohne Führhund.

Zum Nulltarif wurde ich am ICE-Bahnhof St. Pölten abgeholt. Restaurant, die beiden Therapiestationen, Hallenbad, Vortragsraum mit Klavier, Gymnastik- und Fitneßraum wurden mir so gut gezeigt, daß ich mich ohne Probleme im Haus zurechtfand. Die Zimmernummern sind mit tastbaren arabischen Ziffern angeschrieben, der ganze Gebäudekomplex ist nicht kompliziert, da an ein Haupthaus immer wieder neu angebaut wurde, sodaß die Treppenaufgänge alle an einem einzigen langen Gang liegen, von dem aus im Prinzip alles Wichtige abgeht. Im Restaurant bei Frühstücks- und Salatbüffet wurde mir freundlichst geholfen, und selbstverständlich wurden mir Speise- und Therapiepläne vorgelesen. Meine Wäsche wurde in der Gästewäscherei zum Nulltarif gewaschen. Der Eingang zum Schwimmbecken des Hallenbades liegt direkt an einer Säule, sodaß er gefahrlos ohne fremde Hilfe zu erreichen ist.

Insgesamt herrschte im Haus eine ausgesprochen unkomplizierte, lockere Atmosphäre, die es leicht machte, auf Menschen zuzugehen. Die beiden Kurärztinnen betreuten mich ausgesprochen aufmerksam - von Halbgöttinnen in Weiß konnte keine Rede sein. Bei Gruppenangeboten (Yoga, Muskeltraining, Wassergymnastik, Smovey) konnte ich problemlos mitmachen - die Gruppengröße war überschaubar, und war etwas nicht klar, bekam ich freundlichen "Nachhilfeunterricht".

Das Kurhotel Salzerbad liegt in einem Tal, in dem man gut auf der Ebene laufen kann, von wo aus natürlich aber auch Bergwanderungen möglich sind. Hier fehlte es bei meinem Aufenthalt noch an der nötigen Unterstützung. Man ist von Seiten des Hauses aber bemüht, die einschlägigen Angebote auszubauen. Natürlich muß sich jeder mit seiner Krankenkasse einig werden. Da man schließlich nicht einfach irgendwohin kann, wenn man gar nichts sieht, ist das Angebot des Kurhotel Salzerbad eine gute Möglichkeit, mit der es auf jeden Fall lohnt, zu argumentieren. Es wird heutzutage so viel über Inklusion geredet. Meine Erfahrung ist, daß sie oft genug geschieht, ohne daß große und viele Worte  darum gemacht werden. Und solche Praxis ist mir 10mal lieber als alle vollmundigen Reden. Ich lebe ja auch im normalen Leben nicht im Ghetto - ich lebe unter meinen sehenden Mitmenschen. Warum also nicht auch und gerade in einer Kur? Das geht wunderbar mit ein bißchen einschlägiger Unterstützung. Toll, wenn es Menschen gibt, die sie aus freien Stücken leisten und leisten wollen!

Und das Beste zum Schluß: Es gibt im Salzerbad Schmetterlinge: Das sind Treuepunkte, die im Klartext Gratistage bei einem nächsten Aufenthalt bedeuten. Ich plane ihn bereits jetzt!

 

Erika Reischle-Schedler